Blicke

2 Aug

Wieder allein unterwegs; irgendwie einfacher. Es ist ein Freitag Anfang Juni und die warme Nacht – Arschloch wie immer – lockt mich mit verdorbenen Versprechen aus meiner Wohnung. Ziel: Mein aktueller Lieblingsclub, aber da geht vor zwei sowieso nicht das Maximum. Warum also beeilen?

Eigentlich verbringe ich langsam zu viel Zeit mit meinen Haaren – sollte doch einsehen, dass ich nach den zehn Minuten immer noch aussehe wie vorher. Also raus auf die Straße: Das zweite Bier in der Hand und immerhin noch vor Mitternacht. Alles ist gut.

Im Bus dann keine Überraschung; natürlich wieder in die falsche Linie gestiegen. Ein paar S-Bahnen später zu fahren bringt mir aber immerhin einen Sitzplatz ein. Gegenüber zwei Frauen; Typ Sekretärin – aber dann doch so braungebrannt, dass mich die beiden weniger anmachen als sonst üblich. Trotzdem: Unsere zaghaften Blickkontakte geben meinem Selbstbewusstsein an diesem Abend den nötigen Tritt in den Arsch.

Ein paar Minuten später stehe ich auf der Reeperbahn.  Keine Ahnung wohin, in welche Richtung – ist ja noch früh. Zu früh für mein eigentliches Ziel. Also wie immer, wenn ich nicht weiter weiß: Hamburger Berg.

Die Bars hier sind so verdammt voll, dass mich ständig das willkommene Gefühl überkommt, in einer entfesselten, anonymen Masse zu versinken. Hier kennt niemand niemanden und alle sind potenzielle Bekannte – auf der Straße oder in einer der Kneipen; jeder ist für die Zeit seines Aufenthalts Sklave dieser Umgebung. Ein paar Typen in schneeweißen Hemden sitzen auf dem Bordstein und fallen sich gegenseitig ins Wort. Ich schlendere vorbei und kann durch den allgemeinen Geräuschpegel der Straßenschlucht keine Stimmen ausmachen. Bewegte Lippen inmitten eines summenden Stimmengewirrs. St. Pauli kann so friedlich sein.

Aber das alles stimmt nicht. Da stehen Grüppchen abgeschottet im Kreis und ihr Anblick lässt meinen Lone-Wolf-Stolz aus der Brust hinunter in den Magen gleiten. Da liegt er nun und hinterlässt ein schweres Gefühl, das ich am besten mit Bier bekämpfe. Dass das Mädel hinter der Theke trotz allem Ansturm noch Zeit für ein hinreißendes Lächeln hat – das baut mich dann aber doch viel mehr auf als alles, was ich hier drin zu mir nehmen könnte.

Mit dem Jever in der Hand stehe ich an der Bar, die Menge gibt sich einer Rock’n’Roll-Nummer hin, und ich bin mir auf einmal sicher, warum ich hier bin. Ein blondes Mädel sieht mich aus der Menge heraus an – nur um sich dann wieder an ihre Freundinnen zu wenden. Es ist unglaublich heiß und ich muss grinsen. Ein Kerl in einem blau-weiß gestreiften Hemd spricht sie von der Seite an. Ihr Gespräch wirkt selbst auf Entfernung kümmerlich und bald stehen die drei Damen wieder allein zusammen und beugen sich übereinander, um die Worte des anderen verstehen zu können. Ich bin mittlerweile Teil des rhythmisch vibrierenden Pulks geworden und rücke irgendwie auch in ihre Richtung. Zu eng, um besonders nah dran zu sein; noch nicht mal dieselbe Ecke des Ladens. Ich bemerke, dass sie wieder in meine Richtung blickt. Ihre Freundinnen auch. Na toll. Here we go. Wir verstehen uns gut. Dann irgendwann: Weiter.

Golden Pudel. Etwas später als geplant, aber sehr ausgelassen und gut gefüllt. Ich schlängele mich durch die Menge. Elektro at it’s best; stimmiges Gelächter aus jedem Winkel und tatsächlich ein bekanntes Gesicht. Keine Nachfrage, mit wem ich hier wäre. Ich lerne wohl die richtigen Leute kennen. Weiter, ich will mir ein Bild des Abends machen. Attraktivität muss ich hier nicht lange suchen.

Sie steht zwei Meter neben mir und wippt mit dem Beat, während wir beide auf das DJ-Pult starren. Ein Blick nach links und unsere Augen treffen sich. Wie immer weiß ich nicht, wer zuerst wegsieht; sie oder ich oder doch beide – wen interessiert’s, wir haben uns bemerkt.

Und was bedeutet das jetzt? So ein verdammt blöder Gedanke, das war doch ein eindeutiges Signal, oder? Zweifel. Das ist ja mal wieder so typisch für mich. Was mich wohl wirklich unsicher macht, ist der offensichtliche Altersunterschied. Doch ihr Blick schweift immer mal wieder zu mir herüber, ihre Freundinnen scheinen es nicht zu bemerken.

Ich dränge auf die Tanzfläche. Zwei Mädels choreographieren die alte Oh-ich-bin-über-das-Bein-meiner-Freundin-in-deine-Arme-gestolpert-Routine vor mir; ich lächele und schicke sie wieder zurück. Ein kleiner Ego-Boost zur rechten Zeit; ich gönne mir noch ein Bier. Auf dem Rückweg fällt sie mir wieder auf. Sie steht noch an derselben Stelle, nur ihre Freundinnen sind verschwunden. Ich arbeite mich langsam zu ihr vor. Wieder ein Blick. „Weißt du, es ist verdammt schwer dich anzusprechen.“ Sie lächelt. „Du hast es ja geschafft.“ Wow. „Na ja, deine Freundinnen belagern dich ja auch nicht mehr.“ Sie will tatsächlich mit mir reden. Irgendwann ihre Frage:

„Wie alt bist du eigentlich?“ „Was glaubst du denn?“ Ihr herausfordernder Blick: „Doch höchstens 23, oder?“ „Haha, danke. Fast – ich bin 26“, lüge ich, „jetzt musst du mir dein Alter aber auch verraten.“ „Na gut. Schon 30.“ Sie senkt ihren Kopf ein wenig: „Ist das schlimm?“ Und dazu ein unglaublicher Augenaufschlag. Manchmal ist es tatsächlich so einfach.

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