Anna und der Alkohol

17 Mrz

Let’s put a new coat of paint on this lonesome old town
Set ‚em up, we’ll be knockin‘ em down
You wear a dress, baby, and I’ll wear a tie
We’ll laugh at that old bloodshot moon in that burgundy sky

– Tom Waits, New Coat of Paint

So wie auf seinem zweiten Album hat Tom Waits den Song nie wieder gesungen. Nur zwei Jahre später klingt seine von Whisky und Zigaretten zerfressene Stimme, als ob die Welt um drei Uhr nachts aufgehört hätte, sich zu drehen.

Montagnachmittag. Buslinie 6 aus der Innenstadt zurück in meine Wohnung. Während ich überlege, ob es nicht ein wenig kitschig ist, „New Coat of Paint“ direkt nach meinem Friseurbesuch zu hören, sehe ich aus den Augenwinkeln eine weibliche Silhouette an mir vorbeihuschen.
Toll, wie das Unterbewusstsein innerhalb von Millisekunden über die Attraktivität einer Frau entscheiden kann. Meine Augen folgen ihren Bewegungen, während sie sich durch die homogene Ansammlung von uns umgebenden Körpern schlängelt. Sie bleibt ein paar Meter weiter im Gang stehen und dreht ihren Kopf in meine Richtung. Der Bus ist recht voll und ich kann sie nicht vollständig ausmachen. Zuerst fallen mir ihre vollen Lippen und das elegante Kinn auf. Nach und nach auch ein paar dunkle Haarsträhnen, die ihr zu allem Überfluss ins Gesicht fallen. Jetzt hat sie meine volle Aufmerksamkeit.

Ein Ruck geht durch den Bus und lässt alle Insassen wanken, als diese mit der plötzlich ernst zu nehmenden Schwerkraft konfrontiert werden. Ich erhasche einen klaren Blick auf ihr Gesicht. Dann einen zweiten. Ich fühle einen leichten Stich in der Magengegend. Dann setzt mein Hirn die Eindrücke schlagartig zu einem Namen zusammen: Anna.

Ich traf Anna vor etwa vier Monaten. Hamburg begann gerade, ein wenig vertrauter zu wirken, und ich war an einem Samstagabend mit einem Kommilitonen verabredet. Keine Ahnung, welche und vor allem wie viele Bars wir an diesem Abend abklapperten. Ich kannte David erst seit ein paar Tagen, aber mit genug Bier ist das eine Ewigkeit. Wir tranken eine verdammte Scheißmenge Astra und ab der zweiten Location waren wir beste Freunde. Ein schöner Start. Ein Samstagabend in einer deutschen Metropole:

Wir dringen weiter durch die Straßen. Unterwegs erkundige ich mich unnötigerweise bei zwei Mädels nach dem Weg. Unglaublich, wie das hookt. Während ein zweiundzwanzigjähriger Miley-Cyrus-Verschnitt ihre Nummer in mein Handy tippt, frage ich mich allerdings, warum ich sie überhaupt angesprochen habe. David nennt mich einen Frauenhelden. Ich bin irritiert, muss aber grinsen. Schon wieder jemand, der das für angeboren hält.

Irgendwann, weit nach zwei Uhr, findet unsere Odyssee auf einer Indieparty ihren vorläufigen Höhepunkt. Stürmisches Publikum, interessantes Interieur, zwei Etagen und Abspackerei auf jedem freien Quadratmeter. Ich fühle mich wohl. Hier gibt es kein Astra mehr, dafür ist das Jever günstig. Eigentlich egal, mittlerweile geht alles runter wie Wasser.

Anmutig arbeiten wir uns bis auf die Tanzfläche vor und rocken Justice ein neues Arschloch. Ganz ehrlich, es gibt in Bezug auf positive Ausstrahlung kein Geheimnis; wir haben einfach Spaß. Zwei kleine Blondinen rücken näher. David lässt sich darauf ein; mein Fall sind sie nicht, aber natürlich spiele ich mit. Wingman und so. Ich strecke meine Hand aus und spüre ein paar weiche Finger auf der Handfläche. Dann ihre Pirouette. Sie lächelt. So schwer ist das nicht. Tatsächlich ist die Kleine nicht unattraktiv, aber im Moment irgendwie nicht das, wonach ich suche. Nach angemessener Zeit gebe ich ihr zu verstehen, dass ich jetzt auf die Toilette verschwinde. Sie nickt und lächelt weiter. Gut.

Als ich wieder an die Bar trete, läuft David mit seinem Mädel an mir vorbei. Verdammt, der Kerl hat Talent. Ich zahle vier Euro für ein neues Bier und vergesse das Rückgeld. Erst auf der Tanzfläche fällt mir das auf. Scheiß drauf. Ich verinnerliche diesen unglaublichen Beat und während des Übergangs den nächsten gleich mit. Meine Wahrnehmung schrumpft mit jeder Sekunde. Ich versinke in meiner vor Lebendigkeit vibrierenden Umgebung und ergötze mich für einen Moment einfach nur an den Möglichkeiten dieses Abends.

Fast übersehe ich dabei das Dreiergespann neben mir. Wie konnte ich nur, denn in meinem Kopf tanzen sie nur für mich. Geschickt verringere ich den Abstand zwischen uns. Zumindest glaube ich das. Scheint zu klappen, denn sie weichen nicht zurück. Während ich an dem Versuch scheitere, meine Körpersprache möglichst ambivalent zu halten, mache ich mit ein paar Seitenblicken mein Ziel aus.
Sie schwebt näher, allerdings mit dem Rücken zu mir. Sollte machbar sein. Unsere Bewegungen finden ohne Weiteres zueinander: Zuerst tastend, ein paar achtlose Berührungen fremder Hände, dann immer dichter. Langsam, wie zwei machtlose Pole, gespeist durch den Sound. Unsere Körper spiegeln einander, während wir aufbäumend auf Nähe drängen. Immer wieder kurzer Körperkontakt. Falls es von meiner Seite jemals Zurückhaltung gegeben hat, dann ist sie jetzt gebrochen. Ich nehme sie bei der Hand und ziehe sie zu mir. Wir tanzen eng aneinander, sehen uns kaum in die Augen. Dann doch. Ein tiefer Blick, in dem alles steckt, was sich bisher zwischen uns abgespielt hat. Nur der Vibe zählt. Ihre Freundinnen, die Leute um uns: vergessen. Ich setzte zu einem Kuss an. Sie erwidert. Alles klar.

Endlich das erste Wort. Ich gebe mich prüde: „Ich weiß noch nicht mal deinen Namen!“ Sie lächelt. Umwerfend. „Anna. Und du?“ Ich nenne ihr meinen Namen, während mein Bein zwischen ihre Schenkel fährt. Ihre Hand gräbt sich tiefer in meine Brust.

Wir landen an der Bar, wo der Alkohol so langsam seinen Tribut fordert; keine Ahnung, worüber wir reden. Ich glaube, ich sage sowieso kaum etwas. Sie scheint sehr begeistert darüber, dass wir das gleiche Fach studieren, aber mir ist das irgendwie gleichgültig. Ich vertiefe mich in ihre dunklen Haare. Bisher hielt ich sie für orientalisch, jetzt fällt mir auf, dass sie brünett ist und sehr nordeuropäische Gesichtszüge trägt. Durch ihre schwarze Leggins und das ausgefallene Top erfühle ich einen Körper, der mich atemlos macht. Wow. Ich glaube, ich will sie nach ihrer Abstammung fragen, als uns ein anständiger Song wieder auf die Tanzfläche treibt.
Eine plötzliche Stufe verweigert mir weiteren Bodenkontakt. Scheiße, ganz ungünstiger Zeitpunkt. Ich fluche innerlich. Der Alkohol ist eine durchtriebene Hure, die dir irgendwann das Rückgrat durchtrennt und dann überhaupt nicht einsieht, warum sie deinen zerschundenen Körper weiterhin auf den Beinen halten sollte. Ich falle in einen Typen, der mir sogleich wieder aufhilft. „Alles OK?“ – seine Frage treibt die Scham noch tiefer in meinen Magen. Ich bedanke mich und tanze mit Anna. Vielleicht ist meine bescheuerte Aktion bald vergessen. Während wir uns zunehmend leidenschaftlicher küssen, tippt mir David auf die Schulter. Er geht jetzt. Wir verabschieden uns in aller Kürze. Auch ich bleibe nicht mehr lange hier.

Eine Stunde später finde mich in Annas Wohnung wieder. Der Weg hierher ist einfach: Wir wohnen an der gleichen Bahnstrecke. Im Zug machen wir weiter rum. Sowieso glaube ich, dass wir an diesem Abend mehr Küsse als Worte wechseln. „Wo musst du nochmal raus?“. Offensichtlicher kann sie ihre Frage nicht stellen. Dann meine Station: „Du musst raus.“ „Nein, ich steig‘ bei dir aus.“ Auf dem Weg zu ihr noch ein letztes Mal: „Ich bin keine Frau für eine Nacht.“ „Ich weiß.“

Ihr Bett. Wir liegen nebeneinander. Meine Hand auf ihrem Schritt. Das Mädchen atmet schwer und ich spüre die Wärme ihrer Möse durch den Stoff. Meine Finger gleiten unter ihr Top, über ihren Bauchnabel und ihre Brüste. Ich öffne den BH und ihre Nippel stellen sich mit jeder Berührung auf. Schließlich meine Hand in ihrer Hose. Sie ist ziemlich feucht und reibt ihren Unterleib an meiner Handfläche. Sie stöhnt mir ins Ohr und hilft bereitwillig dabei, ihre Leggins auszuziehen. Das Top ist schon längst verschwunden, sie trägt nur noch ihr durchsichtiges Höschen. Sie zieht an meiner Jeans, ich helfe, und sie nimmt meinen Schwanz in den Mund. Für ihr Alter macht sie das recht gut. Schnell bin ich hart genug. Komisch, dass er nicht schon vorher stand wie eine eins. Als ich mich bei ihr revanchieren will raunt sie: „Komm, steck‘ ihn rein.“ Wow, und ihr begieriger Blick dabei. Cunnilingus macht mich eigentlich ziemlich an, aber sowas lasse ich mir nicht zweimal sagen. Ich krame nach einem Kondom. Hmm. Nichts? Scheiße, die liegen bei mir zu Hause. Sie rollt mit den Augen, „Männer!“, und fischt ein blaues Billy Boy aus ihrem Nachtschrank. Ein bisschen Eng. Urgh. Dazu ungefähr doppelt so dick wie meine Stammmarke. Naja, Sense or Sensibility. Ich weiß, komm, passt schon, sag nichts.

Das Unvermeidliche. Ich wusste, dass es irgendwann wieder so weit kommen würde. Ich wusste, wahrscheinlich wird Alkohol im Spiel sein. Ich wusste: schön wird das nicht.

Mein Schwanz steht nun nicht mehr so wirklich und wirkt sonderbar weich. Kein schöner Anblick. Ich reibe das halbharte Stück Fleisch an ihren Schamlippen und hoffe, dabei ausreichend angeturnt zu werden. Sie genießt es mit geschlossenen Augen. Na toll, was jetzt? Von der Wand gegenüber lächelt sie mir entgegen. Ein Foto. Ich bewundere ihre vollen Lippen und die aufgeweckten Augen. Irgendwie turnt mich das an. Jetzt wird mir klar: Man, das war heute ein bisschen zu viel Alkohol. Ich wichse zu einem Bild von ihr, während das Mädchen splitternackt vor mir liegt. Oh Gott, ich hoffe zumindest, dass das auf dem Foto sie ist, und nicht ihre Schwester oder so. Andererseits – warum sollte sie sich ihr eigenes Portrait ins Zimmer hängen?
Ach scheiße, jetzt bin ich vollkommen durch. Sie merkt wohl, dass heute nichts mehr läuft oder, schlimmer, dass ich das Bild anstarre. Egal. Sie wälzt sich mit einer Mischung aus Enttäuschung und Wut herum und tut schließlich so, als würde sie schlafen. Ich murmele irgendwas von „Bier“ und „Normalerweise“ und sinke neben ihr in die Kissen.

Vier Monate später. Hier steht sie also. Keine fünf Meter von mir entfernt, meine Nummer in ihrem Handy, aber ganz offensichtlich kein Interesse daran, mich anzurufen. „Fishin‘ for a good time starts with throwin‘ in your line“, singt Tom Waits, und es will mir nicht aus dem Kopf, dass mich ein weiteres Mädchen für den größten Idioten der Welt hält.

Anna kennt mich nicht. Was sie kennt, ist ein grau gestrichenes Abbild. Ein Schatten. Ein Hauch meiner Persönlichkeit. Wenn überhaupt.

Let’s put a new coat of paint on this lonesome old town
Set ‚em up, we’ll be knockin‘ em down
You wear a dress, baby, and I’ll wear a tie
We’ll laugh at that old bloodshot moon in that burgundy sky

Sie sieht mich an. Für den Bruchteil einer Sekunde meine ich, in ihrem Gesicht etwas anderes als sorgfältige Langeweile zu erkennen. Dann blickt sie aus dem Fenster.

Ich steige aus.
Zuhause schnappe ich mir meinen Laptop und beginne, unsere Geschichte zu verarbeiten.

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