Selbstständig

28 Feb

Es ist Samstagabend und ich sitze in meinem WG-Zimmer. Langsam werde ich unruhig, ich kann meine Beine nicht mehr stillhalten. Keine Alternative, es muss losgehen.

Immer wieder frage ich mich, was mich eigentlich dazu treibt. Allein weggehen. Allein in der Bahn sitzen. Allein durch die Straßen ziehen. Warum betrete ich einen Club lieber ohne Begleitung, anstatt mit einer Gruppe von Bekannten? Da können meine Weggefährten geschlechtlich noch so gemischt und attraktiv sein, wie es sich in den drei Monaten, seit denen ich hier in Hamburg wohne, nun einmal ergeben hat. Keine Chance. Ich fühle mich dabei immer viel zu befangen, irgendwie eingesperrt.

Ich weiß, dass ich darauf keine einfache Antwort finden werde, dass das alles tief in meiner Psyche verankert ist und unumkehrbar an meinen Handlungen haftet. So let’s embrace it. Einfach vor die Tür! Noch dazu, wo mich meine Erfahrung gelehrt hat: Je größer die Stadt, desto leichter schält sich der einsame Wolf heraus – nachts im Club weiß niemand, woher du kommst, zu wem du gehörst, durch welche Lücken du dich gezwängt hast, um hier zu sein.
Mittlerweile ist es Viertel vor Zwölf. Ich laufe durch die Häuserschluchten von Winterhude und alle Rudeltiere der Stadt blicken mitleidig auf mich herab. Ich grinse den Einzelgängern ein Stockwerk höher zu. Wir verstehen uns. Ich steige in die U3 und es geht los.

Ein attraktives Mädel auf einem Sitz gegenüber. Sie hat diese flauschigen blonden Haare, vielleicht toupiert, vielleicht natürlich, zu einem Zopf geflochten. Sie ist nicht vollständig schlank, aber ich mag das. Erwähne noch ihre göttlichen Wangenknochen und ich könnte mich schon fast wieder auf der Stelle verlieben. Unsere Blicke treffen sich ein wenig zu oft in der Spiegelung des dunklen Fensters, um nicht gewollt zu sein. Bevor ich den Mund öffnen kann, steht sie auf und steigt an der nächsten Station aus. Hoheluftbrücke. Sicherlich ne Privatparty. Ich stelle mir kurz vor, dass ich dort zwei Stunden später mit meinen Freunden ebenfalls aufschlage und entgegen allen Erwartungen sitzt das süße Geschöpf tatsächlich noch bei niemandem auf dem Schoß. „Du bist doch die, die sich in der Bahn nicht getraut hat, mich anzusprechen.“ Kurz vor Morgengrauen verlassen wir Arm in Arm die Party.

Scheiße, nicht heute. In St. Pauli raus auf den Bahnsteig und der ganze Zug entleert sich hinter mir wie ein umgestoßenes Cocktailglas. Um mich herum nur lärmende Menschen. Ich lasse mich mit der Menge auf die Rolltreppe spülen und atme die Dynamik in der Luft.
Wenn du allein weggehst, gibt es niemanden, der deine Aufmerksamkeit einfordert; wenn du dann nicht aufpasst, ziehst du dich langsam in ein Schneckenhaus zurück. Daher gilt für mich: Von der Energie der Umgebung anstecken lassen und genauestens beobachten. Es gibt bestimmt auch ein stärkeres Gift als Langeweile, aber nicht an diesem Abend.

Glücklicherweise laufen mir auf der Straße zwei Mädels voraus. Eigentlich zu tussig für mich, zumindest von hinten. Ich schließe trotzdem auf, frage nach dem Weg zum Molotow und ignoriere, dass sich der Eingang keine 50 Meter von uns befindet. Diese Touristenmasche kommt auch nach drei Monaten noch ganz natürlich rüber. Hoffe ich zumindest. Sie wissen es nicht, entschuldigen sich, sie kämen eigentlich aus Bremen und fragen ihrerseits nach dem Neidclub. Ihr Süßen seid auf der falschen Straßenseite. Was geht denn da heute? So so. Hmm. „Vielleicht schau ich später mal vorbei“, verspreche ich vage, denke an die zehn Euro Eintritt und dann an die dreißig in meiner Hosentasche. So hübsch sind die beiden nicht.

Rein ins Molotow. Wie immer ist noch rein gar nichts los und ich mache mir mental eine Notiz, hier nie wieder vor ein Uhr aufzutauchen. SMS vom Kumpel: „machen uns jetzt auf den weg zu ner party im gängeviertel. kommst du?“ Sein Plural umschließt neben ihm noch zwei wirklich hübsche Mädels, das weiß ich. „wir sitzen noch in irgendeiner bar auf der schanze. wenn ich mich losreißen kann, komm ich vorbei“, schreibe ich zurück. Mein Plural umfasst nur mich, aber das weiß nur ich selbst. Warum komme ich mir moralisch so fragwürdig vor?

Kein Selbstmitleid; ich freue mich auf diesen Abend wie auf schon lange nichts mehr. Voller Tatendrang geht’s wieder auf die Straße. Der Türsteher guckt ein wenig verdutzt, aber das übergehe ich. Auf Höhe der Davidwache ruft mir eine Nutte zuckersüß zu. Klar, ich bin nachts allein auf der Reeperbahn unterwegs. Um den totsicheren Grapschereien ihrer Kolleginnen zu entgehen, wechsle ich die Straßenseite. Verdammt, wie ich die Reeperbahn am Samstagabend hasse und verflucht, wie ich davon schwärmen kann. Entgegenkommende Prolls fühlen sich mir gegenüber immer mal wieder zu einem Schultercheck veranlasst. Vielleicht, weil sie wissen, dass niemand dumm genug ist, sich hier zu prügeln. Vielleicht aber, weil das Gedränge wirklich zu groß ist. Und genau das liebe ich: Die Menschen um mich herum, die hellen Neonreklamen überall. Luft und Boden fangen an zu vibrieren. Augenkontakt mit einer dunklen Schönheit, vielleicht Perserin. Sie blickt nach unten und schaut erst wieder her, als sie auf meiner Höhe ist. Und weg. Meine Sicht verschwimmt und ich fange fast an, auf der Straße zu tanzen. Endlich Energie im Überfluß. Damn it! Yeah!

Aber zu lange auf der Reeperbahn und du wirst ganz schnell depressiv. Hier gibt es einfach zu viele Gestalten, mit denen ich nichts zu tun haben will. Also schnell in irgendeine Seitenstraße. Der Hamburger Berg. Oh nein. Über den bin ich schon in meiner ersten Nacht in Hamburg ganz zufällig gestolpert und aus dem Grinsen nicht wieder herausgekommen. Hier reiht sich Bar an Bar und jede ist bis zum Zerbersten gefüllt mit paarungswilligen Menschen in meinem Alter. Eigentlich fast schon zu einfach. Like shooting fish in a barrel. Ich betrete eine der Bars. Hab ich eigentlich erwähnt, dass ich schon den ganzen Abend Bier trinke? Nein? Gut. Aber bei mir geht’s einfach nicht ohne. Alkohol erleichtert den zwischenmenschlichen Kontakt dann doch zu sehr, und das ist etwas, das mir, gerade wenn ich allein unterwegs bin, stark zugutekommt.

Es ist proppenvoll. Ich steuere die Toiletten an und hinter den Schwingtüren läuft mir ein Mädchen in die Arme. Sie reicht mir gerade mal bis zur Brust. Lange, glatte schwarze Haare und als sie an mir hochblickt, erkenne ich die feine Struktur ihres Gesichts. Wieder diese ausgeprägten Wangenknochen. Total heiß. Sie gibt einen überraschten Laut von sich. Ich lächele, berühre sie an den Schultern und drehe uns beide um 180 Grad. Jetzt bin ich an ihr vorbei, wende mich einem der Toilettenräume zu und mache den ersten Schritt. „Das sind die Frauen“, höre ich von hinten. Ich lächele noch immer. Natürlich sind sie das. Ein Blick über die Schulter, „was würde ich nur ohne dich machen“, und ich verschwinde bei den Männern.

Als ich wieder herauskomme steht sie allein an der Bar, nicht weit von der Schwingtür. Gutes Mädchen. Einfach danebenstellen, einen Drink bestellen. Ich fixiere mich auf die Barkeeper und spüre, wie sie wieder an mir hochsieht. Ich wende ihr meinen Blick zu. Tue gar nicht erst so, als würde ich sie jetzt erst bemerken. Ein weiteres kurzes Lächeln genügt, wir teilen schließlich eine gemeinsame Erfahrung. „Was war denn das für eine Aktion mit den Toiletten?“ Ah, Mademoiselle will es mir nicht zu einfach machen. Ihr Gesicht aber sagt etwas anderes; sie strahlt bis über beide Ohren. „Ihr habt wenigstens Spiegel vor den Waschbecken.“ Mal ehrlich, es ist doch scheißegal, was man in diesen Situationen sagt, solange man nicht in irgendwelche Rechtfertigungskonstrukte verfällt.

Themenwechsel. Wir reden über Herkunft, Arbeit, Studium. Absoluter Standardkram. Zufällig kommen wir aus untereinander verhassten Städten. Mein schelmisches Grinsen: „Das geht ja mal absolut gar nicht.“ Um uns herum tanzt alles oder bewegt sich ob der Enge zumindest nach dem Rhythmus von Indierock. Ich nehme sie wortlos bei der Hand und wir verschmelzen mit dem Pulk. Ihr zarter Körper hängt an meinen Bewegungen und ihre Brüste drücken sich an mich. Nicht die Musik ist das Lustmittel, sondern das, was sie mit unseren Körpern anstellt. Ich umfasse sie fester, wir schauen uns in die Augen. Keine zwei Sekunden später küssen wir uns. Klar, das war einfach. Aber verdammt, sie küsst nicht besonders gut. Sogar eher schlecht. Ihre Zunge bewegt sich in meinem Mund wie ein Propeller, meine ist noch kein einziges Mal über meine eigenen Lippen hinausgeglitten. Heute soll mir das egal sein.

Ich muss sie nicht mehr isolieren, wir sind schon die ganze Zeit allein. Trotzdem will ich an die frische Luft. Vielleicht irgendwohin, wo es nicht so eng ist. „Kommst du mit?“ Sie schüttelt ihren süßen Kopf. Sie ist mit einer Freundin hier, die ist zu Besuch und schläft heute bei ihr. Hmm. Stimmt, da steht sie, nicht weit von uns. Und eins muss man ihr lassen: Das Wort „Cockblock“ scheint in ihrem Repertoire nicht vorzukommen. Ok, dann also die Handynummer. Ist in diesem Moment ja eigentlich nur noch eine Formalität. Ich verspreche, mich demnächst zu melden. Man könne ja mal zusammen weggehen. Ich schreibe das hier eine Woche später und ich habe immer noch nicht angerufen. Na ja.

An der frischen Nachtluft überlege ich kurz. Wohin jetzt? Mal zur Abwechslung in nen guten Club? Der Golden Pudel ist mir im Moment zu weit weg. Nur eine Querstraße weiter liegt das Ego, aber da wird schon so langsam der Schweiß von der Decke tropfen. „Ist ja nicht unbedingt ein Nachteil“, denke ich, während ich durch die Große Freiheit laufe. Vor der Großen Freiheit 36 bleibe ich stehen und mir kommt die Erleuchtung. Mal was Neues. 90s Reloaded-Party. Von innen dröhnt Michael Jackson heraus und wird von den Backstreet Boys abgelöst. Oh Gott, also als Trash könnte das echt runtergehen wie Butter. Nur ist das wohl nicht so gemeint. Die kleine Schlange vor dem Kartenhäuschen bestätigt meine Vermutung: Die Frauen sprechen mich irgendwie nicht so wirklich an. Normaler und biederer geht’s wohl nicht mehr. Ich denke an Sex in völliger Dunkelheit und mit Socken an den Füßen. Scheiß drauf, man lebt nur einmal. Ich sehs als Erfahrung an und zahle den Eintritt. Mit meinen Freunden würde ich das hier nie machen.

Ich gebe meine Jacke gar nicht erst an der Garderobe ab. Direkt nach dem Eintreten steht links ein enormer Korb mit Erdnüssen. Davor stehen eine weibliche Fünf und eine männliche Vier. Sie schälen Nüsse und verdienen einander. Irgendwie mag ich den Anblick. Auf der großen Tanzfläche bewegen sich hunderte Körper größtenteils ungelenk zu Britney Spears. Echt? Die war noch Neunziger? Und da dachte ich immer, ich hätte keine Erinnerungen an die Zeit. Krass. Ich drehe eine Runde um die Tanzfläche, immer langsam an den Bars entlang, die sich an den Wänden aufreihen. Nur drei wirklich hübsche Mädels, zufällig alle blond, aber auch schon in männlicher Begleitung. Das ist mir der Aufwand nicht wert. Ich schaue noch kurz in den Kaiserkeller, dort war ich schließlich auch noch nie. Etwas ernüchtert verlasse ich die Location. An anderen Tagen vielleicht, aber im Moment absolut nichts für mich. Neue SMS vom Kumpel: „sehr berlin hier“. Klar, ist ja auch das Gängeviertel. Wahrscheinlich Typen mit Schnurrbart und Wayfarer ohne Stärke. Normalerweise füge ich mich in die Szene ganz gut ein, schreibe aber zurück: „bin an nem mädel hängengeblieben, sorry“. Eigentlich stimmt das ja auch. So halb.

Ich schlendere die Reeperbahn noch ein Stück weiter hoch. Vor der China Lounge hat sich eine riesige Schlange gebildet. Rein wollte ich da sowieso nicht, sehr housig, soweit ich weiß. Lasse mich einfach von der wabernden Menge die Straße hochtreiben und merke, wie mein Kopf langsam im Schneckenhaus verschwindet. Mir fällt nichts Besseres ein, als wieder auf den Hamburger Berg zu gehen. Energie tanken. Wieder einer dieser kleinen Clubs. Diesmal noch enger, elektronisch. Das Mädel hinter der Bar trägt ein T-Shirt mit dem Sonic Youth Goo-Cover als Aufdruck. Hier bin ich richtig. Auf einer improvisierten Tanzfläche bewegt sich etwa die Hälfte der Gäste ausgelassen zu treibenden Beats. Ich bin neidisch. Kämpfe mich bis zum Rand der erregten Masse und docke an. Ausversehen stoße ich unsanft gegen einen Typen neben mir. Irgendwie kommen wir ins Gespräch, reden über Kraftwerk und Daft Punk und dass man mit genug Talent eigentlich die Welt erobern könnte. Ach ja, der Idealismus. Er stellt mich seiner Begleitung vor. Ein Mädchen mit ein wenig zu groben Gesichtszügen, mit der ich mich auf Anhieb gut verstehe.

Irgendwann verabschiede ich mich von den beiden und finde mein Heil in einer Bar nebenan. Hier ist es noch gedrängter, falls man das glauben kann. Dafür gibt es einen Hinterraum mit Sitzecken und Kicker. Ich bin gut drauf, verstecke meine Jacke in irgendeiner Ecke und gehe nach vorne. Tanzen. Reizende Mädchen. Zum Beispiel: Dunkle, gelockte Haare, und ein göttlicher Arsch, obwohl ich das erst später bemerke. Mit ihren großen Augen sieht sie immer mal wieder zu mir herüber. Aber auch Blickkontakt mit einem süßen Wesen, das sich an der Bar mit ihrer Freundin unterhält. Hmm. Ok, entscheide dich einfach. Ich drehe mich um meine eigene Achse. Sie rückt näher. Entweder von selbst oder ich gleite zu ihr, keine Ahnung. Auf einmal tanzen wir direkt nebeneinander und blicken uns immer wieder an. Ich greife kurz ihre Hand und wirble sie zu mir herum. Sie sieht mich erstaunt an. Grob war ich dabei nicht, also grinse ich einfach und bewege mich mit der Musik. Sie bleibt ganz offensichtlich in meiner Nähe. Wenn man zu lange zu nah aneinander tanzt, dann bilden sich unsichtbare Fäden zwischen den Körpern. Verbundene Synapsen, wie ein Netz, das uns beide umschließt. Das ist der Vibe, der sich gerade zwischen uns aufbaut.

Ich weiß nicht, wer das erste Wort verliert. Wahrscheinlich ich. Sie sagt, sie wäre lesbisch. Mit Leichtigkeit landen wir nebeneinander auf einem Sofa am Rande des Menschenknäuels. Ihr Gesicht ist nur knapp eine Sieben, aber ihr Körper macht mich ungemein an. Wir reden über New York, übers Lecken und darüber, dass ich der einzige wäre, den sie hier drinnen attraktiv fände. Meist wäre sie spätestens dann abgestoßen, wenn ein Mann den Mund öffne. „Warum hast du mich angefasst?“ „Was?“ Männer würden ihr grundsätzlich an den Arsch fassen. Ich lache und meine, ich hätte nur ihre Hand genommen. Dann beißt sie mir in den Hals. Sie revidiert ihre Aussage von vorhin und sagt, was ich ohnehin schon weiß: Sie ist bi. Zwei Stunden später schlafen wir miteinander.

Allein. Das ist zu negativ. Ich begrabe das Wort und finde bessere: Autonom, eigenständig, selbstständig.

Selbstständig.

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