Boot Camp

23 Aug

Meine Angst vor hübschen Frauen zeigt sich ja vor allem nachts im Club. Eigentlich haben alle Spaß, tanzen, trinken; auch ich. Doch dann steh’ ich da und denke mir: “Nee, komm Alter, die will jetzt bestimmt nicht mit dir reden.” So lähmend diese Erfahrung ist – sie wird von einer noch größeren Angst übertroffen: Dieselben Frauen tagsüber auf der Straße anzusprechen. Anders gesagt: Was sich nachts oft mit Alkohol lösen lässt, lässt mich bei Tageslicht fast verzweifeln. Meine Feigheit dabei ist ziemlich ernüchternd – weshalb ich in den letzten Monaten zu der Überzeugung gekommen bin, dass sich da etwas ändern muss. Wer im Umgang mit Frauen nun wirklich so völlig hilflos ist, dem wird in einschlägigen Foren oft ein Boot Camp empfohlen. Ich habe nie eins gemacht, halte mich von Zeit zu Zeit ja sogar für recht charmant und erfolgreich, doch dann geht in der Woche darauf wieder überhaupt nichts und ich bekomme meine Zähne nicht auseinander. Ergo: Ein Boot Camp. Nichts zu verlieren, außer Zeit. Acht Wochen, acht verschiedene Aufgaben. Dabei geht es vor allem um eins: um Selbstvertrauen.

Also ab in die Innenstadt. Ich soll fünfzig Fremden ein “Hi” entgegenschleudern und gleichzeitig auf Blickkontakte achten – suchen, finden, halten. Eigentlich halte ich mich ja in letzterem für relativ geübt; aber nicht im Alles-klar-sie-hat-im-43-Grad-Winkel-nach-unten-Links-weggeguckt-also-bin-ich-in-Zone-Q7-jetzt-muss-ich-nur-noch-einen-Neg-bringen-und-ich-hab-ihre-Nummer Sinne, sondern irgendwie wohl auf Flirt-Basis und natürlich vor allem nachts im Club. Also los.

Irgendwie freue ich mich auf die ganze Aktion; die Semesterferien haben gerade begonnen und Persönlichkeitsentwicklung ist ja immer eine interessante Beschäftigung. Warum ich ansonsten eher zuhause vor dem PC hocke kann ich nach dem letzten Satz aber auch nicht wirklich erklären. Egal, ich wollte ja los.

Nach zehn Minuten Busfahrt tut sich die Mönckebergstraße vor mir auf. Perfektes Wetter und mehr als genug Menschen auf der Straße. Blickkontakt also. Ok. Die erstbeste Frau in der entgegenkommenden Menge. Vielleicht Mitte 30, schlank, streng zurückgebundene Haare und ein entschlossener Gang. Ich fixiere meinen Blick auf ihre Augen, wie ich sonst die Schaufenster rechts von mir betrachten würde: mit durchschnittlichem Interesse. Sechs Meter; sie starrt geradeaus. Vier Meter; ich lasse meinen Blick schweifen. Zwei Meter; ich blicke sie wieder an. Sie starrt weiterhin geradeaus. So was blödes aber auch. Nun müsste ich langsam meinen Kopf drehen, um sie weiterhin anzuschauen. Ich betrachte das Schaufenster rechts von mir; Zara. Sie läuft an mir vorbei. Super.

Auch die nächsten Versuche verlaufen nicht viel besser. Ab und zu ein flüchtiger Blickkontakt – keinen Herzschlag lang – und sie schaut in eine andere Richtung. Ich entscheide, dass die Mönckebergstraße zu überfüllt ist, um sich gegenseitig  ins Gesicht zu starren, und weiche auf die Seitenstraßen in Richtung Alster aus. Hier läuft ein Mädel auf mich zu, das mir tatsächlich länger als eine Sekunde in die Augen schaut. Mir wird warm ums Herz. Dann: Sie schaut auf den Asphalt, ich weiterhin auf ihr Gesicht. Kurz darauf hebt sie ihren Blick – auf einen Punkt weit entfernt – und läuft an mir vorbei. Ein “Hi” kommt erst gar nicht über meine Lippen.

Na ja, vielleicht hab ich mir zu viel vorgenommen; ausschließlich hübsche Frauen zu Grüßen erfordert nun mal etwas mehr Mumm. Ok, dann einfacher. Egal an wen, irgendwie muss ich ein erstes “Hallo” loswerden. Habe den ganzen Tag noch kein Wort gesagt. Weiter durch die Straßen. Nach meinem dritten Gruß an wahllos Fremde, die eigentlich nur ihrem Tagesgeschäft nachgehen, erkenne ich das wahre Problem: Die Aufgabe ist ziemlich lächerlich. Zumindest in meinen Augen. Klar, ich soll meine Hemmschwelle gegenüber Fremden abbauen – verstanden. Aber alles, was ich im Moment abbaue, ist meine natürliche Hemmschwelle, mich wie ein entlaufener Psychopath zu benehmen.

Hier, anders: Stattdessen ganz unverfänglich nach der Uhrzeit fragen. Ein guter Grund für soziale Interaktionen – das liegt mir irgendwie mehr. Die nächsten Tage machen Spaß; nur Frauen ansprechen, die mich auf den ersten Blick auch interessieren. Die erste Frage im Stadtpark, ein wenig abgeändert: In welche Richtung liegt die U-Bahn? Sie freut sich sichtlich: “Du läufst schon in die richtige Richtung…” Weiß ich doch. Lange, blonde, gelockte Haare. Auf den zweiten Blick gefällt sie mir doch nicht mehr so sehr. Ein anderes Mädel gesellt sich zu uns. Ob es “da hinten” Wasser gäbe. “Da liegt ein See, ja”, antworte ich, und wende mich lächelnd an meine vermeintliche Erlöserin, während vorherige mit ihrem Handtuch unter dem Arm von dannen zieht: “Na ja, irgendjemand weiß immer irgendwas.” – der Satz macht zwar überhaupt keinen Sinn, wir freuen uns aber trotzdem wie Schneekönige über die eigentlich nur wenig absurde Situation. Als Unbeteiligter würde ich jetzt mit den Augen rollen. Ich bedanke mich und verlasse den Park. Eigentlich traurig; aber unglaublich, wie mich das gerade gepusht hat.

Der nächste große Park. Planten un Blomen. Einen Tag und ein paar unnötige Erkundigungen später. Ich sitze auf einer Bank unten am Wasser und lese Rainald Goetz. “Rave”. Ich denke mal wieder, dass der Kerl zum Besten gehört, was der deutschen Sprache je passiert ist; das Buch in meiner Hand verbalisiert das Nachtleben bis zur Perfektion: Die Musik, die Clubs, der Rhythmus, die Drogen, die Frauen, der Sex – und alles so, wie wir das am nächsten Morgen auch in unseren Köpfen wiederfinden: wirr, ungeordnet, unglaublich lebendig.

Mein Platz hier ist perfekt ausgesucht, aber doch eher ein Zufallsprodukt. In regelmäßigen Abständen treten Menschen aus den umliegenden Hecken. Meistens Paare, Kinderwagen mit Anhängsel, Jogger. Ich entschließe mich, das nächste süße Mädel in meinem Alter ansprechen zu müssen. Doch dann kommt längere Zeit nichts; Alter: vielleicht sechzig. Jetzt: Anfang fünfzig. Dann: Joggerin, attraktiv, blonder Pferdeschwanz, aber zu schnell und natürlich die obligatorischen Kopfhörer im Ohr.

Schließlich kommt doch noch jemand von links: brünett, ein wenig kleiner, faszinierende Wangenknochen. Ich lasse mein Buch sinken und schaue sie an. Das habe ich mittlerweile auch gelernt: Nicht einfach nur halb-interessiert starren, sondern Blickkontakt suchen, als würde dir gerade eine Bekannte über den Weg laufen. Diesmal kommt das ganz von allein, ich will ja schließlich etwas von ihr. Und eigentlich nicht nur die Uhrzeit. Sie schaut mich an. Ich glaube, ich habe schon die ganze Zeit ein leichtes Lächeln auf dem Gesicht: “Hi.” Sie lächelt zurück, “Hi”, und freut sich offensichtlich, dass ich sie grüße. “Hast du vielleicht gerade die Uhrzeit für mich? Ich sitz’ hier schon seit Ewigkeiten und weiß gar nicht, ob ich nicht schon los müsste.” “Ja, klar.” Sie verbiegt ihren Arm in eine sichtlich unbequeme Position, um mir ihre Uhr zeigen zu können. Sie muss lachen. Ich mag es, wenn sich Frauen tollpatschig benehmen. Ich kann sie dafür ja belohnen: ein römisches Ziffernblatt: “Sowas hab’ ich ja seit Jahren nicht mehr gelesen… Moment… Halb vier?” Sie sieht auf ihre Uhr: “Na ja, eigentlich…” und grinst mich an: “Doch, du hast recht.” Süß. Ich bedanke mich, stehe auf, und wünsche ihr noch einen schönen Tag. Ich bin so ein Feigling.

Trotzdem merke ich wieder: Eigentlich geht es in den seltensten Fällen darum, was gesagt wird; wichtig ist der Vibe, der dabei zwischen uns beiden herrscht. Der baut sich manchmal erst während der Interaktion auf, ist aber meistens schon von der ersten Sekunde an vorhanden. In ihm steckt alles, was zwischen Fremden oft erst mühsam konstruiert werden muss: Sympathie, Vertrauen, Einordnung; das Gefühl, jemanden tatsächlich zu Kennen. Es gibt bestimmt Ehen, die allein auf Basis dieser einzigartigen, einvernehmlich-makellosen und doch so verbreiteten Erfahrung geschlossen wurden.

Irgendwann bin ich dann doch wieder in der Innenstadt unterwegs. Ballindamm diesmal, noch drei Leute und die Dreißig sind voll – mein Wochenziel. Zwei Mädels. “Hi, habt ihr vielleicht die Uhrzeit für mich?” Nummer Eins guckt ihre Freundin an. Nummer Zwei schüttelt ihren Kopf. Nummer Eins schaut zurück zu mir und schüttelt ebenfalls den Kopf. Abwertender Blick. Oh. Das ist zumindest mal was Neues. Etwas geknickt schlendere ich davon und stehe vier Meter weiter vor einem U-Bahn-Eingang inklusive überdimensionaler Uhr. Wer achtet heutzutage noch auf sowas?

Im Bus zurück. Ich bin in einen Text für meine Seminararbeit vertieft, den Marker im Anschlag. Jemand setzt sich neben mich und aus den Augenwinkeln erkenne ich nur lange, brünette Haare. Wir sitzen entgegen der Fahrtrichtung und sie schaut sich immer wieder um. Die nächste Wochenaufgabe: Zehn Gespräche mit Fremden. Warum nicht – also los: “Brauchst du Hilfe?” Auch sie wirkt erfreut. Eigentlich die wichtigste Lektion dieser ganzen Übung: Niemand fühlt sich so wirklich in seiner Privatsphäre verletzt. Dass auch andere gegenüber Fremden so offen sein können – warum überrascht mich das eigentlich? Ist das vielleicht doch irgendwo der Charme, der mir ab und zu attestiert wird? Irgendwie egoman, der Gedanke.

Sie weiß nicht, ob sie im richtigen Bus sitzt “Wo musst du denn hin?” Zu meiner Station. Toll. Sie kommt aus Nürnberg, dort nervt das schlechte Wetter, deshalb ist sie mit einer Freundin für ein paar Tage hier in Hamburg. Haha. Genau. “Was hast du denn bisher von der Stadt gesehen?” Standardfrage. Das Touristenprogramm steht erst für morgen an. Wir kommen darauf, dass man als Zugezogener die Sehenswürdigkeiten nie wirklich kennenlernt – ein falsches Gefühl von Überlegenheit vielleicht. “Wenn du willst, kannst du ja morgen mit uns mitkommen.” Ihr Angebot, ganz von allein, das überrascht mich dann doch ein wenig. “Ja, warum nicht. Wenn du mir deine Nummer gibst…” Ich bekomme sie. Lisa heißt sie. Alles klar. Ich klingele sie an, denn mein absolut agenialer Plan: “Falls ihr heute Abend weggeht und nicht wisst, wohin: Sag einfach Bescheid. Ich bin wahrscheinlich mit ein paar Freunden unterwegs.” “Ok, gern.” Sie fährt sich durch die Haare. Mir gefallen ihre Sommersprossen, die Stupsnase und vor allem die tiefen, dunklen, unglaublich vereinnahmenden Augen. Ein Gesicht ist ja so viel wert. Sie ist vielleicht nicht vollständig schlank – aber dafür bin ich ja immer zu haben. Allerdings bitte in süß, nicht in einschüchternd. Und ja: Lisa ist verdammt süß.

Vor meiner Haustür verabschieden wir uns. Ein paar Stunden vergehen. Es wird Nacht, dann ziehe ich los. Die Stadt ist in ein makelloses Klima getaucht. Jung und ahnungslos, aber nicht dazed and confused. Yesyesyes, wir können nicht lange bleiben, ja danke, müssen weiter.

Halb fünf am frühen Morgen; Lisa und ich. Diesmal treten wir gemeinsam durch meine Haustür. Küssend, fummelnd, wie zwei Teenager. Die Nacht zuvor – eigentlich Stoff für eine weitere Geschichte, aber irgendwie auch wieder nicht. Die Sache mit uns war eigentlich schon klar, als sich vor zehn Stunden zwei Fremde in einem Bus nach Winterhude trafen. Das Mädel: Weit weg von allen Verpflichtungen. Der Kerl: Mehr als gewillt, ihr die unbekannte Stadt zu zeigen.

Blicke

2 Aug

Wieder allein unterwegs; irgendwie einfacher. Es ist ein Freitag Anfang Juni und die warme Nacht – Arschloch wie immer – lockt mich mit verdorbenen Versprechen aus meiner Wohnung. Ziel: Mein aktueller Lieblingsclub, aber da geht vor zwei sowieso nicht das Maximum. Warum also beeilen?

Eigentlich verbringe ich langsam zu viel Zeit mit meinen Haaren – sollte doch einsehen, dass ich nach den zehn Minuten immer noch aussehe wie vorher. Also raus auf die Straße: Das zweite Bier in der Hand und immerhin noch vor Mitternacht. Alles ist gut.

Im Bus dann keine Überraschung; natürlich wieder in die falsche Linie gestiegen. Ein paar S-Bahnen später zu fahren bringt mir aber immerhin einen Sitzplatz ein. Gegenüber zwei Frauen; Typ Sekretärin – aber dann doch so braungebrannt, dass mich die beiden weniger anmachen als sonst üblich. Trotzdem: Unsere zaghaften Blickkontakte geben meinem Selbstbewusstsein an diesem Abend den nötigen Tritt in den Arsch.

Ein paar Minuten später stehe ich auf der Reeperbahn.  Keine Ahnung wohin, in welche Richtung – ist ja noch früh. Zu früh für mein eigentliches Ziel. Also wie immer, wenn ich nicht weiter weiß: Hamburger Berg.

Die Bars hier sind so verdammt voll, dass mich ständig das willkommene Gefühl überkommt, in einer entfesselten, anonymen Masse zu versinken. Hier kennt niemand niemanden und alle sind potenzielle Bekannte – auf der Straße oder in einer der Kneipen; jeder ist für die Zeit seines Aufenthalts Sklave dieser Umgebung. Ein paar Typen in schneeweißen Hemden sitzen auf dem Bordstein und fallen sich gegenseitig ins Wort. Ich schlendere vorbei und kann durch den allgemeinen Geräuschpegel der Straßenschlucht keine Stimmen ausmachen. Bewegte Lippen inmitten eines summenden Stimmengewirrs. St. Pauli kann so friedlich sein.

Aber das alles stimmt nicht. Da stehen Grüppchen abgeschottet im Kreis und ihr Anblick lässt meinen Lone-Wolf-Stolz aus der Brust hinunter in den Magen gleiten. Da liegt er nun und hinterlässt ein schweres Gefühl, das ich am besten mit Bier bekämpfe. Dass das Mädel hinter der Theke trotz allem Ansturm noch Zeit für ein hinreißendes Lächeln hat – das baut mich dann aber doch viel mehr auf als alles, was ich hier drin zu mir nehmen könnte.

Mit dem Jever in der Hand stehe ich an der Bar, die Menge gibt sich einer Rock’n’Roll-Nummer hin, und ich bin mir auf einmal sicher, warum ich hier bin. Ein blondes Mädel sieht mich aus der Menge heraus an – nur um sich dann wieder an ihre Freundinnen zu wenden. Es ist unglaublich heiß und ich muss grinsen. Ein Kerl in einem blau-weiß gestreiften Hemd spricht sie von der Seite an. Ihr Gespräch wirkt selbst auf Entfernung kümmerlich und bald stehen die drei Damen wieder allein zusammen und beugen sich übereinander, um die Worte des anderen verstehen zu können. Ich bin mittlerweile Teil des rhythmisch vibrierenden Pulks geworden und rücke irgendwie auch in ihre Richtung. Zu eng, um besonders nah dran zu sein; noch nicht mal dieselbe Ecke des Ladens. Ich bemerke, dass sie wieder in meine Richtung blickt. Ihre Freundinnen auch. Na toll. Here we go. Wir verstehen uns gut. Dann irgendwann: Weiter.

Golden Pudel. Etwas später als geplant, aber sehr ausgelassen und gut gefüllt. Ich schlängele mich durch die Menge. Elektro at it’s best; stimmiges Gelächter aus jedem Winkel und tatsächlich ein bekanntes Gesicht. Keine Nachfrage, mit wem ich hier wäre. Ich lerne wohl die richtigen Leute kennen. Weiter, ich will mir ein Bild des Abends machen. Attraktivität muss ich hier nicht lange suchen.

Sie steht zwei Meter neben mir und wippt mit dem Beat, während wir beide auf das DJ-Pult starren. Ein Blick nach links und unsere Augen treffen sich. Wie immer weiß ich nicht, wer zuerst wegsieht; sie oder ich oder doch beide – wen interessiert’s, wir haben uns bemerkt.

Und was bedeutet das jetzt? So ein verdammt blöder Gedanke, das war doch ein eindeutiges Signal, oder? Zweifel. Das ist ja mal wieder so typisch für mich. Was mich wohl wirklich unsicher macht, ist der offensichtliche Altersunterschied. Doch ihr Blick schweift immer mal wieder zu mir herüber, ihre Freundinnen scheinen es nicht zu bemerken.

Ich dränge auf die Tanzfläche. Zwei Mädels choreographieren die alte Oh-ich-bin-über-das-Bein-meiner-Freundin-in-deine-Arme-gestolpert-Routine vor mir; ich lächele und schicke sie wieder zurück. Ein kleiner Ego-Boost zur rechten Zeit; ich gönne mir noch ein Bier. Auf dem Rückweg fällt sie mir wieder auf. Sie steht noch an derselben Stelle, nur ihre Freundinnen sind verschwunden. Ich arbeite mich langsam zu ihr vor. Wieder ein Blick. “Weißt du, es ist verdammt schwer dich anzusprechen.” Sie lächelt. “Du hast es ja geschafft.” Wow. “Na ja, deine Freundinnen belagern dich ja auch nicht mehr.” Sie will tatsächlich mit mir reden. Irgendwann ihre Frage:

“Wie alt bist du eigentlich?” “Was glaubst du denn?” Ihr herausfordernder Blick: “Doch höchstens 23, oder?” “Haha, danke. Fast – ich bin 26″, lüge ich, “jetzt musst du mir dein Alter aber auch verraten.” “Na gut. Schon 30.” Sie senkt ihren Kopf ein wenig: “Ist das schlimm?” Und dazu ein unglaublicher Augenaufschlag. Manchmal ist es tatsächlich so einfach.

Talstraße

21 Mär

Ego. Miserable Luft, wie immer. Kleine Schweißausbrüche. Irgendwas Falsches gegessen, früher am Abend. Bisher reicht mein Mut nur für ein einziges Mädchen; angesprochen vor dieser zu selektiv beleuchteten Theke, zehn Minuten später auf der Treppe geküsst. Jetzt muss ich sie für den Rest des Abends meiden.
Wie lange trage ich eigentlich schon dieses Bier mit mir herum?
Meine Ecke der Tanzfläche wird schlagartig voll. Was sind das für Leute? Willkommen, willkommen. Gerade Rhythmen hämmern mir Befehle in den Körper. Dann der plötzliche Break: “Uh, c’mon!” Ein unglaublich fetter Elektrobeat explodiert in die Stille, frenetisch bejubelt von allen Anwesenden. Ein neuer Gott; Off-Beat. Ich hebe lächelnd den Kopf. Für heute ist das mehr als genug.

Anna und der Alkohol

17 Mär

Let’s put a new coat of paint on this lonesome old town
Set ‘em up, we’ll be knockin’ em down
You wear a dress, baby, and I’ll wear a tie
We’ll laugh at that old bloodshot moon in that burgundy sky

– Tom Waits, New Coat of Paint

So wie auf seinem zweiten Album hat Tom Waits den Song nie wieder gesungen. Nur zwei Jahre später klingt seine von Whisky und Zigaretten zerfressene Stimme, als ob die Welt um drei Uhr nachts aufgehört hätte, sich zu drehen.

Montagnachmittag. Buslinie 6 aus der Innenstadt zurück in meine Wohnung. Während ich überlege, ob es nicht ein wenig kitschig ist, “New Coat of Paint” direkt nach meinem Friseurbesuch zu hören, sehe ich aus den Augenwinkeln eine weibliche Silhouette an mir vorbeihuschen.
Toll, wie das Unterbewusstsein innerhalb von Millisekunden über die Attraktivität einer Frau entscheiden kann. Meine Augen folgen ihren Bewegungen, während sie sich durch die homogene Ansammlung von uns umgebenden Körpern schlängelt. Sie bleibt ein paar Meter weiter im Gang stehen und dreht ihren Kopf in meine Richtung. Der Bus ist recht voll und ich kann sie nicht vollständig ausmachen. Zuerst fallen mir ihre vollen Lippen und das elegante Kinn auf. Nach und nach auch ein paar dunkle Haarsträhnen, die ihr zu allem Überfluss ins Gesicht fallen. Jetzt hat sie meine volle Aufmerksamkeit.

Ein Ruck geht durch den Bus und lässt alle Insassen wanken, als diese mit der plötzlich ernst zu nehmenden Schwerkraft konfrontiert werden. Ich erhasche einen klaren Blick auf ihr Gesicht. Dann einen zweiten. Ich fühle einen leichten Stich in der Magengegend. Dann setzt mein Hirn die Eindrücke schlagartig zu einem Namen zusammen: Anna.

Ich traf Anna vor etwa vier Monaten. Hamburg begann gerade, ein wenig vertrauter zu wirken, und ich war an einem Samstagabend mit einem Kommilitonen verabredet. Keine Ahnung, welche und vor allem wie viele Bars wir an diesem Abend abklapperten. Ich kannte David erst seit ein paar Tagen, aber mit genug Bier ist das eine Ewigkeit. Wir tranken eine verdammte Scheißmenge Astra und ab der zweiten Location waren wir beste Freunde. Ein schöner Start. Ein Samstagabend in einer deutschen Metropole:

Wir dringen weiter durch die Straßen. Unterwegs erkundige ich mich unnötigerweise bei zwei Mädels nach dem Weg. Unglaublich, wie das hookt. Während ein zweiundzwanzigjähriger Miley-Cyrus-Verschnitt ihre Nummer in mein Handy tippt, frage ich mich allerdings, warum ich sie überhaupt angesprochen habe. David nennt mich einen Frauenhelden. Ich bin irritiert, muss aber grinsen. Schon wieder jemand, der das für angeboren hält.

Irgendwann, weit nach zwei Uhr, findet unsere Odyssee auf einer Indieparty ihren vorläufigen Höhepunkt. Stürmisches Publikum, interessantes Interieur, zwei Etagen und Abspackerei auf jedem freien Quadratmeter. Ich fühle mich wohl. Hier gibt es kein Astra mehr, dafür ist das Jever günstig. Eigentlich egal, mittlerweile geht alles runter wie Wasser.

Anmutig arbeiten wir uns bis auf die Tanzfläche vor und rocken Justice ein neues Arschloch. Ganz ehrlich, es gibt in Bezug auf positive Ausstrahlung kein Geheimnis; wir haben einfach Spaß. Zwei kleine Blondinen rücken näher. David lässt sich darauf ein; mein Fall sind sie nicht, aber natürlich spiele ich mit. Wingman und so. Ich strecke meine Hand aus und spüre ein paar weiche Finger auf der Handfläche. Dann ihre Pirouette. Sie lächelt. So schwer ist das nicht. Tatsächlich ist die Kleine nicht unattraktiv, aber im Moment irgendwie nicht das, wonach ich suche. Nach angemessener Zeit gebe ich ihr zu verstehen, dass ich jetzt auf die Toilette verschwinde. Sie nickt und lächelt weiter. Gut.

Als ich wieder an die Bar trete, läuft David mit seinem Mädel an mir vorbei. Verdammt, der Kerl hat Talent. Ich zahle vier Euro für ein neues Bier und vergesse das Rückgeld. Erst auf der Tanzfläche fällt mir das auf. Scheiß drauf. Ich verinnerliche diesen unglaublichen Beat und während des Übergangs den nächsten gleich mit. Meine Wahrnehmung schrumpft mit jeder Sekunde. Ich versinke in meiner vor Lebendigkeit vibrierenden Umgebung und ergötze mich für einen Moment einfach nur an den Möglichkeiten dieses Abends.

Fast übersehe ich dabei das Dreiergespann neben mir. Wie konnte ich nur, denn in meinem Kopf tanzen sie nur für mich. Geschickt verringere ich den Abstand zwischen uns. Zumindest glaube ich das. Scheint zu klappen, denn sie weichen nicht zurück. Während ich an dem Versuch scheitere, meine Körpersprache möglichst ambivalent zu halten, mache ich mit ein paar Seitenblicken mein Ziel aus.
Sie schwebt näher, allerdings mit dem Rücken zu mir. Sollte machbar sein. Unsere Bewegungen finden ohne Weiteres zueinander: Zuerst tastend, ein paar achtlose Berührungen fremder Hände, dann immer dichter. Langsam, wie zwei machtlose Pole, gespeist durch den Sound. Unsere Körper spiegeln einander, während wir aufbäumend auf Nähe drängen. Immer wieder kurzer Körperkontakt. Falls es von meiner Seite jemals Zurückhaltung gegeben hat, dann ist sie jetzt gebrochen. Ich nehme sie bei der Hand und ziehe sie zu mir. Wir tanzen eng aneinander, sehen uns kaum in die Augen. Dann doch. Ein tiefer Blick, in dem alles steckt, was sich bisher zwischen uns abgespielt hat. Nur der Vibe zählt. Ihre Freundinnen, die Leute um uns: vergessen. Ich setzte zu einem Kuss an. Sie erwidert. Alles klar.

Endlich das erste Wort. Ich gebe mich prüde: “Ich weiß noch nicht mal deinen Namen!” Sie lächelt. Umwerfend. “Anna. Und du?” Ich nenne ihr meinen Namen, während mein Bein zwischen ihre Schenkel fährt. Ihre Hand gräbt sich tiefer in meine Brust.

Wir landen an der Bar, wo der Alkohol so langsam seinen Tribut fordert; keine Ahnung, worüber wir reden. Ich glaube, ich sage sowieso kaum etwas. Sie scheint sehr begeistert darüber, dass wir das gleiche Fach studieren, aber mir ist das irgendwie gleichgültig. Ich vertiefe mich in ihre dunklen Haare. Bisher hielt ich sie für orientalisch, jetzt fällt mir auf, dass sie brünett ist und sehr nordeuropäische Gesichtszüge trägt. Durch ihre schwarze Leggins und das ausgefallene Top erfühle ich einen Körper, der mich atemlos macht. Wow. Ich glaube, ich will sie nach ihrer Abstammung fragen, als uns ein anständiger Song wieder auf die Tanzfläche treibt.
Eine plötzliche Stufe verweigert mir weiteren Bodenkontakt. Scheiße, ganz ungünstiger Zeitpunkt. Ich fluche innerlich. Der Alkohol ist eine durchtriebene Hure, die dir irgendwann das Rückgrat durchtrennt und dann überhaupt nicht einsieht, warum sie deinen zerschundenen Körper weiterhin auf den Beinen halten sollte. Ich falle in einen Typen, der mir sogleich wieder aufhilft. “Alles OK?” – seine Frage treibt die Scham noch tiefer in meinen Magen. Ich bedanke mich und tanze mit Anna. Vielleicht ist meine bescheuerte Aktion bald vergessen. Während wir uns zunehmend leidenschaftlicher küssen, tippt mir David auf die Schulter. Er geht jetzt. Wir verabschieden uns in aller Kürze. Auch ich bleibe nicht mehr lange hier.

Eine Stunde später finde mich in Annas Wohnung wieder. Der Weg hierher ist einfach: Wir wohnen an der gleichen Bahnstrecke. Im Zug machen wir weiter rum. Sowieso glaube ich, dass wir an diesem Abend mehr Küsse als Worte wechseln. “Wo musst du nochmal raus?”. Offensichtlicher kann sie ihre Frage nicht stellen. Dann meine Station: “Du musst raus.” “Nein, ich steig’ bei dir aus.” Auf dem Weg zu ihr noch ein letztes Mal: “Ich bin keine Frau für eine Nacht.” “Ich weiß.”

Ihr Bett. Wir liegen nebeneinander. Meine Hand auf ihrem Schritt. Das Mädchen atmet schwer und ich spüre die Wärme ihrer Möse durch den Stoff. Meine Finger gleiten unter ihr Top, über ihren Bauchnabel und ihre Brüste. Ich öffne den BH und ihre Nippel stellen sich mit jeder Berührung auf. Schließlich meine Hand in ihrer Hose. Sie ist ziemlich feucht und reibt ihren Unterleib an meiner Handfläche. Sie stöhnt mir ins Ohr und hilft bereitwillig dabei, ihre Leggins auszuziehen. Das Top ist schon längst verschwunden, sie trägt nur noch ihr durchsichtiges Höschen. Sie zieht an meiner Jeans, ich helfe, und sie nimmt meinen Schwanz in den Mund. Für ihr Alter macht sie das recht gut. Schnell bin ich hart genug. Komisch, dass er nicht schon vorher stand wie eine eins. Als ich mich bei ihr revanchieren will raunt sie: “Komm, steck’ ihn rein.” Wow, und ihr begieriger Blick dabei. Cunnilingus macht mich eigentlich ziemlich an, aber sowas lasse ich mir nicht zweimal sagen. Ich krame nach einem Kondom. Hmm. Nichts? Scheiße, die liegen bei mir zu Hause. Sie rollt mit den Augen, “Männer!”, und fischt ein blaues Billy Boy aus ihrem Nachtschrank. Ein bisschen Eng. Urgh. Dazu ungefähr doppelt so dick wie meine Stammmarke. Naja, Sense or Sensibility. Ich weiß, komm, passt schon, sag nichts.

Das Unvermeidliche. Ich wusste, dass es irgendwann wieder so weit kommen würde. Ich wusste, wahrscheinlich wird Alkohol im Spiel sein. Ich wusste: schön wird das nicht.

Mein Schwanz steht nun nicht mehr so wirklich und wirkt sonderbar weich. Kein schöner Anblick. Ich reibe das halbharte Stück Fleisch an ihren Schamlippen und hoffe, dabei ausreichend angeturnt zu werden. Sie genießt es mit geschlossenen Augen. Na toll, was jetzt? Von der Wand gegenüber lächelt sie mir entgegen. Ein Foto. Ich bewundere ihre vollen Lippen und die aufgeweckten Augen. Irgendwie turnt mich das an. Jetzt wird mir klar: Man, das war heute ein bisschen zu viel Alkohol. Ich wichse zu einem Bild von ihr, während das Mädchen splitternackt vor mir liegt. Oh Gott, ich hoffe zumindest, dass das auf dem Foto sie ist, und nicht ihre Schwester oder so. Andererseits – warum sollte sie sich ihr eigenes Portrait ins Zimmer hängen?
Ach scheiße, jetzt bin ich vollkommen durch. Sie merkt wohl, dass heute nichts mehr läuft oder, schlimmer, dass ich das Bild anstarre. Egal. Sie wälzt sich mit einer Mischung aus Enttäuschung und Wut herum und tut schließlich so, als würde sie schlafen. Ich murmele irgendwas von “Bier” und “Normalerweise” und sinke neben ihr in die Kissen.

Vier Monate später. Hier steht sie also. Keine fünf Meter von mir entfernt, meine Nummer in ihrem Handy, aber ganz offensichtlich kein Interesse daran, mich anzurufen. “Fishin’ for a good time starts with throwin’ in your line”, singt Tom Waits, und es will mir nicht aus dem Kopf, dass mich ein weiteres Mädchen für den größten Idioten der Welt hält.

Anna kennt mich nicht. Was sie kennt, ist ein grau gestrichenes Abbild. Ein Schatten. Ein Hauch meiner Persönlichkeit. Wenn überhaupt.

Let’s put a new coat of paint on this lonesome old town
Set ‘em up, we’ll be knockin’ em down
You wear a dress, baby, and I’ll wear a tie
We’ll laugh at that old bloodshot moon in that burgundy sky

Sie sieht mich an. Für den Bruchteil einer Sekunde meine ich, in ihrem Gesicht etwas anderes als sorgfältige Langeweile zu erkennen. Dann blickt sie aus dem Fenster.

Ich steige aus.
Zuhause schnappe ich mir meinen Laptop und beginne, unsere Geschichte zu verarbeiten.

Selbstständig

28 Feb

Es ist Samstagabend und ich sitze in meinem WG-Zimmer. Langsam werde ich unruhig, ich kann meine Beine nicht mehr stillhalten. Keine Alternative, es muss losgehen.

Immer wieder frage ich mich, was mich eigentlich dazu treibt. Allein weggehen. Allein in der Bahn sitzen. Allein durch die Straßen ziehen. Warum betrete ich einen Club lieber ohne Begleitung, anstatt mit einer Gruppe von Bekannten? Da können meine Weggefährten geschlechtlich noch so gemischt und attraktiv sein, wie es sich in den drei Monaten, seit denen ich hier in Hamburg wohne, nun einmal ergeben hat. Keine Chance. Ich fühle mich dabei immer viel zu befangen, irgendwie eingesperrt.

Ich weiß, dass ich darauf keine einfache Antwort finden werde, dass das alles tief in meiner Psyche verankert ist und unumkehrbar an meinen Handlungen haftet. So let’s embrace it. Einfach vor die Tür! Noch dazu, wo mich meine Erfahrung gelehrt hat: Je größer die Stadt, desto leichter schält sich der einsame Wolf heraus – nachts im Club weiß niemand, woher du kommst, zu wem du gehörst, durch welche Lücken du dich gezwängt hast, um hier zu sein.
Mittlerweile ist es Viertel vor Zwölf. Ich laufe durch die Häuserschluchten von Winterhude und alle Rudeltiere der Stadt blicken mitleidig auf mich herab. Ich grinse den Einzelgängern ein Stockwerk höher zu. Wir verstehen uns. Ich steige in die U3 und es geht los.

Ein attraktives Mädel auf einem Sitz gegenüber. Sie hat diese flauschigen blonden Haare, vielleicht toupiert, vielleicht natürlich, zu einem Zopf geflochten. Sie ist nicht vollständig schlank, aber ich mag das. Erwähne noch ihre göttlichen Wangenknochen und ich könnte mich schon fast wieder auf der Stelle verlieben. Unsere Blicke treffen sich ein wenig zu oft in der Spiegelung des dunklen Fensters, um nicht gewollt zu sein. Bevor ich den Mund öffnen kann, steht sie auf und steigt an der nächsten Station aus. Hoheluftbrücke. Sicherlich ne Privatparty. Ich stelle mir kurz vor, dass ich dort zwei Stunden später mit meinen Freunden ebenfalls aufschlage und entgegen allen Erwartungen sitzt das süße Geschöpf tatsächlich noch bei niemandem auf dem Schoß. “Du bist doch die, die sich in der Bahn nicht getraut hat, mich anzusprechen.” Kurz vor Morgengrauen verlassen wir Arm in Arm die Party.

Scheiße, nicht heute. In St. Pauli raus auf den Bahnsteig und der ganze Zug entleert sich hinter mir wie ein umgestoßenes Cocktailglas. Um mich herum nur lärmende Menschen. Ich lasse mich mit der Menge auf die Rolltreppe spülen und atme die Dynamik in der Luft.
Wenn du allein weggehst, gibt es niemanden, der deine Aufmerksamkeit einfordert; wenn du dann nicht aufpasst, ziehst du dich langsam in ein Schneckenhaus zurück. Daher gilt für mich: Von der Energie der Umgebung anstecken lassen und genauestens beobachten. Es gibt bestimmt auch ein stärkeres Gift als Langeweile, aber nicht an diesem Abend.

Glücklicherweise laufen mir auf der Straße zwei Mädels voraus. Eigentlich zu tussig für mich, zumindest von hinten. Ich schließe trotzdem auf, frage nach dem Weg zum Molotow und ignoriere, dass sich der Eingang keine 50 Meter von uns befindet. Diese Touristenmasche kommt auch nach drei Monaten noch ganz natürlich rüber. Hoffe ich zumindest. Sie wissen es nicht, entschuldigen sich, sie kämen eigentlich aus Bremen und fragen ihrerseits nach dem Neidclub. Ihr Süßen seid auf der falschen Straßenseite. Was geht denn da heute? So so. Hmm. “Vielleicht schau ich später mal vorbei”, verspreche ich vage, denke an die zehn Euro Eintritt und dann an die dreißig in meiner Hosentasche. So hübsch sind die beiden nicht.

Rein ins Molotow. Wie immer ist noch rein gar nichts los und ich mache mir mental eine Notiz, hier nie wieder vor ein Uhr aufzutauchen. SMS vom Kumpel: “machen uns jetzt auf den weg zu ner party im gängeviertel. kommst du?” Sein Plural umschließt neben ihm noch zwei wirklich hübsche Mädels, das weiß ich. “wir sitzen noch in irgendeiner bar auf der schanze. wenn ich mich losreißen kann, komm ich vorbei”, schreibe ich zurück. Mein Plural umfasst nur mich, aber das weiß nur ich selbst. Warum komme ich mir moralisch so fragwürdig vor?

Kein Selbstmitleid; ich freue mich auf diesen Abend wie auf schon lange nichts mehr. Voller Tatendrang geht’s wieder auf die Straße. Der Türsteher guckt ein wenig verdutzt, aber das übergehe ich. Auf Höhe der Davidwache ruft mir eine Nutte zuckersüß zu. Klar, ich bin nachts allein auf der Reeperbahn unterwegs. Um den totsicheren Grapschereien ihrer Kolleginnen zu entgehen, wechsle ich die Straßenseite. Verdammt, wie ich die Reeperbahn am Samstagabend hasse und verflucht, wie ich davon schwärmen kann. Entgegenkommende Prolls fühlen sich mir gegenüber immer mal wieder zu einem Schultercheck veranlasst. Vielleicht, weil sie wissen, dass niemand dumm genug ist, sich hier zu prügeln. Vielleicht aber, weil das Gedränge wirklich zu groß ist. Und genau das liebe ich: Die Menschen um mich herum, die hellen Neonreklamen überall. Luft und Boden fangen an zu vibrieren. Augenkontakt mit einer dunklen Schönheit, vielleicht Perserin. Sie blickt nach unten und schaut erst wieder her, als sie auf meiner Höhe ist. Und weg. Meine Sicht verschwimmt und ich fange fast an, auf der Straße zu tanzen. Endlich Energie im Überfluß. Damn it! Yeah!

Aber zu lange auf der Reeperbahn und du wirst ganz schnell depressiv. Hier gibt es einfach zu viele Gestalten, mit denen ich nichts zu tun haben will. Also schnell in irgendeine Seitenstraße. Der Hamburger Berg. Oh nein. Über den bin ich schon in meiner ersten Nacht in Hamburg ganz zufällig gestolpert und aus dem Grinsen nicht wieder herausgekommen. Hier reiht sich Bar an Bar und jede ist bis zum Zerbersten gefüllt mit paarungswilligen Menschen in meinem Alter. Eigentlich fast schon zu einfach. Like shooting fish in a barrel. Ich betrete eine der Bars. Hab ich eigentlich erwähnt, dass ich schon den ganzen Abend Bier trinke? Nein? Gut. Aber bei mir geht’s einfach nicht ohne. Alkohol erleichtert den zwischenmenschlichen Kontakt dann doch zu sehr, und das ist etwas, das mir, gerade wenn ich allein unterwegs bin, stark zugutekommt.

Es ist proppenvoll. Ich steuere die Toiletten an und hinter den Schwingtüren läuft mir ein Mädchen in die Arme. Sie reicht mir gerade mal bis zur Brust. Lange, glatte schwarze Haare und als sie an mir hochblickt, erkenne ich die feine Struktur ihres Gesichts. Wieder diese ausgeprägten Wangenknochen. Total heiß. Sie gibt einen überraschten Laut von sich. Ich lächele, berühre sie an den Schultern und drehe uns beide um 180 Grad. Jetzt bin ich an ihr vorbei, wende mich einem der Toilettenräume zu und mache den ersten Schritt. “Das sind die Frauen”, höre ich von hinten. Ich lächele noch immer. Natürlich sind sie das. Ein Blick über die Schulter, “was würde ich nur ohne dich machen”, und ich verschwinde bei den Männern.

Als ich wieder herauskomme steht sie allein an der Bar, nicht weit von der Schwingtür. Gutes Mädchen. Einfach danebenstellen, einen Drink bestellen. Ich fixiere mich auf die Barkeeper und spüre, wie sie wieder an mir hochsieht. Ich wende ihr meinen Blick zu. Tue gar nicht erst so, als würde ich sie jetzt erst bemerken. Ein weiteres kurzes Lächeln genügt, wir teilen schließlich eine gemeinsame Erfahrung. “Was war denn das für eine Aktion mit den Toiletten?” Ah, Mademoiselle will es mir nicht zu einfach machen. Ihr Gesicht aber sagt etwas anderes; sie strahlt bis über beide Ohren. “Ihr habt wenigstens Spiegel vor den Waschbecken.” Mal ehrlich, es ist doch scheißegal, was man in diesen Situationen sagt, solange man nicht in irgendwelche Rechtfertigungskonstrukte verfällt.

Themenwechsel. Wir reden über Herkunft, Arbeit, Studium. Absoluter Standardkram. Zufällig kommen wir aus untereinander verhassten Städten. Mein schelmisches Grinsen: “Das geht ja mal absolut gar nicht.” Um uns herum tanzt alles oder bewegt sich ob der Enge zumindest nach dem Rhythmus von Indierock. Ich nehme sie wortlos bei der Hand und wir verschmelzen mit dem Pulk. Ihr zarter Körper hängt an meinen Bewegungen und ihre Brüste drücken sich an mich. Nicht die Musik ist das Lustmittel, sondern das, was sie mit unseren Körpern anstellt. Ich umfasse sie fester, wir schauen uns in die Augen. Keine zwei Sekunden später küssen wir uns. Klar, das war einfach. Aber verdammt, sie küsst nicht besonders gut. Sogar eher schlecht. Ihre Zunge bewegt sich in meinem Mund wie ein Propeller, meine ist noch kein einziges Mal über meine eigenen Lippen hinausgeglitten. Heute soll mir das egal sein.

Ich muss sie nicht mehr isolieren, wir sind schon die ganze Zeit allein. Trotzdem will ich an die frische Luft. Vielleicht irgendwohin, wo es nicht so eng ist. “Kommst du mit?” Sie schüttelt ihren süßen Kopf. Sie ist mit einer Freundin hier, die ist zu Besuch und schläft heute bei ihr. Hmm. Stimmt, da steht sie, nicht weit von uns. Und eins muss man ihr lassen: Das Wort “Cockblock” scheint in ihrem Repertoire nicht vorzukommen. Ok, dann also die Handynummer. Ist in diesem Moment ja eigentlich nur noch eine Formalität. Ich verspreche, mich demnächst zu melden. Man könne ja mal zusammen weggehen. Ich schreibe das hier eine Woche später und ich habe immer noch nicht angerufen. Na ja.

An der frischen Nachtluft überlege ich kurz. Wohin jetzt? Mal zur Abwechslung in nen guten Club? Der Golden Pudel ist mir im Moment zu weit weg. Nur eine Querstraße weiter liegt das Ego, aber da wird schon so langsam der Schweiß von der Decke tropfen. “Ist ja nicht unbedingt ein Nachteil”, denke ich, während ich durch die Große Freiheit laufe. Vor der Großen Freiheit 36 bleibe ich stehen und mir kommt die Erleuchtung. Mal was Neues. 90s Reloaded-Party. Von innen dröhnt Michael Jackson heraus und wird von den Backstreet Boys abgelöst. Oh Gott, also als Trash könnte das echt runtergehen wie Butter. Nur ist das wohl nicht so gemeint. Die kleine Schlange vor dem Kartenhäuschen bestätigt meine Vermutung: Die Frauen sprechen mich irgendwie nicht so wirklich an. Normaler und biederer geht’s wohl nicht mehr. Ich denke an Sex in völliger Dunkelheit und mit Socken an den Füßen. Scheiß drauf, man lebt nur einmal. Ich sehs als Erfahrung an und zahle den Eintritt. Mit meinen Freunden würde ich das hier nie machen.

Ich gebe meine Jacke gar nicht erst an der Garderobe ab. Direkt nach dem Eintreten steht links ein enormer Korb mit Erdnüssen. Davor stehen eine weibliche Fünf und eine männliche Vier. Sie schälen Nüsse und verdienen einander. Irgendwie mag ich den Anblick. Auf der großen Tanzfläche bewegen sich hunderte Körper größtenteils ungelenk zu Britney Spears. Echt? Die war noch Neunziger? Und da dachte ich immer, ich hätte keine Erinnerungen an die Zeit. Krass. Ich drehe eine Runde um die Tanzfläche, immer langsam an den Bars entlang, die sich an den Wänden aufreihen. Nur drei wirklich hübsche Mädels, zufällig alle blond, aber auch schon in männlicher Begleitung. Das ist mir der Aufwand nicht wert. Ich schaue noch kurz in den Kaiserkeller, dort war ich schließlich auch noch nie. Etwas ernüchtert verlasse ich die Location. An anderen Tagen vielleicht, aber im Moment absolut nichts für mich. Neue SMS vom Kumpel: “sehr berlin hier”. Klar, ist ja auch das Gängeviertel. Wahrscheinlich Typen mit Schnurrbart und Wayfarer ohne Stärke. Normalerweise füge ich mich in die Szene ganz gut ein, schreibe aber zurück: “bin an nem mädel hängengeblieben, sorry”. Eigentlich stimmt das ja auch. So halb.

Ich schlendere die Reeperbahn noch ein Stück weiter hoch. Vor der China Lounge hat sich eine riesige Schlange gebildet. Rein wollte ich da sowieso nicht, sehr housig, soweit ich weiß. Lasse mich einfach von der wabernden Menge die Straße hochtreiben und merke, wie mein Kopf langsam im Schneckenhaus verschwindet. Mir fällt nichts Besseres ein, als wieder auf den Hamburger Berg zu gehen. Energie tanken. Wieder einer dieser kleinen Clubs. Diesmal noch enger, elektronisch. Das Mädel hinter der Bar trägt ein T-Shirt mit dem Sonic Youth Goo-Cover als Aufdruck. Hier bin ich richtig. Auf einer improvisierten Tanzfläche bewegt sich etwa die Hälfte der Gäste ausgelassen zu treibenden Beats. Ich bin neidisch. Kämpfe mich bis zum Rand der erregten Masse und docke an. Ausversehen stoße ich unsanft gegen einen Typen neben mir. Irgendwie kommen wir ins Gespräch, reden über Kraftwerk und Daft Punk und dass man mit genug Talent eigentlich die Welt erobern könnte. Ach ja, der Idealismus. Er stellt mich seiner Begleitung vor. Ein Mädchen mit ein wenig zu groben Gesichtszügen, mit der ich mich auf Anhieb gut verstehe.

Irgendwann verabschiede ich mich von den beiden und finde mein Heil in einer Bar nebenan. Hier ist es noch gedrängter, falls man das glauben kann. Dafür gibt es einen Hinterraum mit Sitzecken und Kicker. Ich bin gut drauf, verstecke meine Jacke in irgendeiner Ecke und gehe nach vorne. Tanzen. Reizende Mädchen. Zum Beispiel: Dunkle, gelockte Haare, und ein göttlicher Arsch, obwohl ich das erst später bemerke. Mit ihren großen Augen sieht sie immer mal wieder zu mir herüber. Aber auch Blickkontakt mit einem süßen Wesen, das sich an der Bar mit ihrer Freundin unterhält. Hmm. Ok, entscheide dich einfach. Ich drehe mich um meine eigene Achse. Sie rückt näher. Entweder von selbst oder ich gleite zu ihr, keine Ahnung. Auf einmal tanzen wir direkt nebeneinander und blicken uns immer wieder an. Ich greife kurz ihre Hand und wirble sie zu mir herum. Sie sieht mich erstaunt an. Grob war ich dabei nicht, also grinse ich einfach und bewege mich mit der Musik. Sie bleibt ganz offensichtlich in meiner Nähe. Wenn man zu lange zu nah aneinander tanzt, dann bilden sich unsichtbare Fäden zwischen den Körpern. Verbundene Synapsen, wie ein Netz, das uns beide umschließt. Das ist der Vibe, der sich gerade zwischen uns aufbaut.

Ich weiß nicht, wer das erste Wort verliert. Wahrscheinlich ich. Sie sagt, sie wäre lesbisch. Mit Leichtigkeit landen wir nebeneinander auf einem Sofa am Rande des Menschenknäuels. Ihr Gesicht ist nur knapp eine Sieben, aber ihr Körper macht mich ungemein an. Wir reden über New York, übers Lecken und darüber, dass ich der einzige wäre, den sie hier drinnen attraktiv fände. Meist wäre sie spätestens dann abgestoßen, wenn ein Mann den Mund öffne. “Warum hast du mich angefasst?” “Was?” Männer würden ihr grundsätzlich an den Arsch fassen. Ich lache und meine, ich hätte nur ihre Hand genommen. Dann beißt sie mir in den Hals. Sie revidiert ihre Aussage von vorhin und sagt, was ich ohnehin schon weiß: Sie ist bi. Zwei Stunden später schlafen wir miteinander.

Allein. Das ist zu negativ. Ich begrabe das Wort und finde bessere: Autonom, eigenständig, selbstständig.

Selbstständig.

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